Kitawechsel: Wenn es nicht anders geht…

06/03/2017

Kindergarten Kitawechsel

Durch Johannes habe ich wahnsinnig viel über mich selbst gelernt. Zum Beispiel hätte ich nie gedacht, dass ich mal eine dieser Mütter werde, bei denen andere Eltern und Erzieher/innen im Kindergarten die Augen verdrehen. Ich wäre nicht überrascht, wenn man mich hinterm Rücken als „anstrengend“ und „überbesorgte Glucke“ titulieren würde. Ich bin feinfühlig, wenn es darum geht, was andere Menschen in mir sehen und über mich denken und mir entgehen die leisen Seufzer keineswegs, wenn ich mal wieder eine Erzieherin um ein kurzes Gespräch bitte.

Aber soll ich Dir was sagen? Mir ist das SO egal, solange mein Nerven dazu führt, dass mein Kind bestmöglich behandelt und betreut wird. Ich übertrage diesen Menschen schließlich die Verantwortung für das Wertvollste in meinem Leben.

Angefangen hat alles damit, dass Johannes seine ersten beiden Jahre in Fremdbetreuung bei der wohl großartigsten Tagesmutter der Welt erleben durfte. Diese Frau hat ein Herz aus Gold und legt eine Pädagogik an den Tag, die meiner Vorstellung eins zu eins entspricht. Natürlich hatte der Kindergarten dadurch einen schweren Stand, als mein Sohn letzten Sommer mit knapp drei Jahren rüber wechselte. Dabei waren wir der neuen Einrichtung anfangs noch sehr aufgeschlossen. Bis die Eingewöhnung begann und ich schon nach einigen Tagen feststellen musste, dass Johannes es hier schwer haben wird. Johannes hat meine Feinfühligkeit geerbt und um geschätzt 30000fach potenziert. Er ist also ein sehr, sehr sensibles Kind. Keine Ahnung, ob man in Fachkreisen von High Need oder hypersensibel sprechen würde. Ich halte nichts von solchen Stempeln und mache mir darüber auch keine Gedanken. Johannes ist eben Johannes und was er ganz dringend braucht, ist eine individuelle, liebevolle Betreuung in einer vertrauenswürdigen Atmosphäre mit ausreichend Rückzugsmöglichkeiten.

Joa. Sein Kindergarten (es war übrigens der einzige, der uns einen Platz angeboten hatte) beherbergt um die 90 Kinder im offenen Gruppenkonzept. Soll heißen, den ganzen Tag geht es dort sehr wuselig zu und jede Erzieherin ist im Grunde für jedes Kind zuständig. Das offene Gruppenkonzept überfordert in meinen Augen viele Kinder und erhöht den Stresspegel der kleinen Wesen um ein Vielfaches. Dennoch findet es in immer mehr Einrichtungen Anwendung. Meines Erachtens nach nicht aus pädagogischen Gesichtspunkten, sondern schlicht und ergreifend um den Personalmangel zu kompensieren.

Gestatten, ich bin die Glucken-Mutti

Aber zurück zur Eingewöhnung. Die ersten Tage verlief alles gut. Die Bezugserzieherin nahm sich Zeit, um sich Johannes behutsam zu nähern und sein Vertrauen zu gewinnen. Johannes mochte sie auch sehr gern und machte sie zu seinem sicheren Fixpunkt aus. Als es dann so langsam aber sicher dazu überging von Mama Abschied zu nehmen, hing er ihr buchstäblich am Rockzipfel und wich nicht von ihrer Seite. Nur leider ging abrupt der Kita-Alltag los  – Welpenschutz adé – und Johannes musste sich damit abfinden, seine Bezugserzieherin mit unzähligen anderen Kindern zu teilen. Oftmals war sie nicht da, wenn ich ihn morgens abgeben musste und das endete jeden Tag in einem herzzerreißenden Heulkrampf. Irgendeine Erzieherin riss mir dann mein Kind vom Leib und drängte mich dazu nun schnellstmöglich das Gebäude zu verlassen. Ihr Argument: Johannes würde sich dann ganz schnell wieder beruhigen, sobald ich außer Sichtweite war. In meinen Augen ein Trugschluss. Er resignierte einfach. Ähnlich wie Babies, die man in ihren Betten stundenlang schreien lässt. Irgendwann geben sie einfach auf. Mehrmals verließ ich unter Tränen den Kindergarten und machte mir unendliche Vorwürfe.

Oben drauf kam noch die ungesunde Ernährung. Allein während der Eingewöhnung erlebte ich es mehrmals, dass die Kinder Gummibärchen und andere Süßigkeiten aßen- einmal sogar kurz nach dem Frühstück. Ich sprach das Thema beim ersten Entwicklungsgespräch an mit der Erklärung, dass mir eine gesunde, weitestgehend zuckerfreie Ernährung sehr am Herzen läge. Daraufhin wurde ich mit den genervten Worten abgeschmettert: „Die andere Eltern würden das nicht gut finden, wenn man das jetzt plötzlich ändert. Die bringen ja gern mal was mit und die Kinder freuen sich, wenn sie was verteilen dürfen. Und außerdem muss man es ja auch nicht übertreiben.“
In diesem Gespräch merkte ich auch die Problematik an, dass Johannes seine Bezugserzieherin morgens beim Abschied dringend als sicheren Hafen bräuchte, aber auch bei diesem Punkt biss ich auf Granit. Verständnis irgendwo ja, Flexibilität aber nein.
Spätestens nach diesem Gespräch war ich die „anstrengende Glucken-Mutti“. Der personifizierte Kita-Schreck mit hochtrabenden Ansprüchen an eine konventionelle, latent überlastete Kindertagesstätte.

Johannes ging all die Monate nie richtig gern zur Kita. Jeden Morgen weckte er uns mit einem kleinen Lied, in dem er sang „Heute ist Wochenende, heute gehen wir nicht zur Kita!“. Die Erzieherinnen verstanden meine Sorgen nicht. „Johannes macht hier immer ganz toll mit!“. Doch ich erkannte mein Kind nachmittags nicht wieder. Er war unausgeglichen, weinerlich oder sehr wütend. Große Unternehmungen am Nachmittag hielt er kaum durch. Am liebsten wollte er zu Hause spielen – in seinem sicheren Hafen.

Ein Kitawechsel als einzige Lösung

Ab diesem Zeitpunkt war für uns ein Kitawechsel unvermeidlich. Mein Mann und ich suchten akribisch nach einer Alternativlösung, zumal wir zeitgleich sowieso in eine neue Gegend gezogen waren und Johannes und ich jeden Morgen 20 Minuten Autofahrt hinter uns bringen mussten. Als wir zufällig einen Platz in einem kleinen Kinderladen direkt um die Ecke ergatterten, konnten wir unser Glück kaum fassen. 13 Kinder, individuelle Betreuung, drei Vollzeit-Erzieher mit dem Augenmerk auf eine gesunde, vollwertige Ernährung ohne Zucker. Sechser im Lotto!

Seit drei Tagen geht Johannes nun in die neue Einrichtung. Der Papa übernimmt die Eingewöhnung. Und beim ersten Elternabend wurde heiß diskutiert über die Gefühle der Kinder und der richtigen pädagogischen Reaktion in Streitsituationen. Und zum ersten Mal fühlten wir uns unter Gleichgesinnten. Man kann es anstrengend oder überbesorgt nennen. Ich sehe darin einfach wahnsinnig liebende Eltern, denen nur das Beste für ihre Kinder gut genug ist. Wie kann man es uns verübeln?

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