Lass mich, ich kann das schon alleine!

21/05/2017

Lass mich, ich kann das schon allein!

Johannes hat derzeit wieder eine dieser Phasen. Trotz, Autonomie, Selbsterkennung, wie auch immer Mama oder Papa es nennen möchten. Politisch korrekt oder unkorrekt. Es ist wahnsinnig anstrengend. Er weiß alles und kann alles. Er will immer selbst entscheiden, alles tun oder auch nicht tun, wenn wir ihn um etwas wichtiges bitten. Wenn Du Kinder hast, dann kennst Du diese Phasen. Jedes Kind hat sie und alle Eltern müssen da durch. Und man tröstet sich in diesen Tagen damit, dass dies nicht nur total normal ist, sondern auch gesund und wichtig für die Entwicklung und die geistige Stärke unserer Kleinen.

In zwei Monaten wird Johannes vier Jahre alt und mittlerweile sind wir wahre Profis, was diese Entwicklungsschübe anbelangt. Mir ist irgendwann klar geworden (auch durch großartige Bücher wie dieses hier), dass schimpfen, bestrafen oder ignorieren gar nichts bringt. Durch Druck und Liebesentzug (was ich eh nicht länger durchhalte, als drei Sekunden) wächst seine Wut ins Unermessliche. Wie eigentlich immer im Leben, liegt der Stein der Weisen bei einem selbst begraben. Man kann nur seinen eigenen Blickwinkel ändern und hinterfragen. Als ich begonnen habe, mich selbst zu beobachten, ist mir schnell aufgefallen, dass es meine eigene Ungeduld oder mein unreflektiertes, anerzogenes Verhalten ("das macht man halt so") war, was das Fass oftmals zum Überlaufen gebracht hat.

Streit schlägt auf den Magen

Warum ich das alles erzähle? Weil es gerade in punkto Ernährung unzählige solcher Situationen gibt, in denen es zu Konflikten kommt, die man eigentlich vermeiden könnte. Gerade, wenn es unser Ziel ist, dass unsere Kinder sich gesund ernähren und ein gutes Körpergefühl entwickeln, sollten wir unsere Denkweise und unser eigenes Verhalten beim Kochen und am Tisch kritisch beäugen.

Autonomie fördern: Drei Beispiele aus dem Leben

Johannes isst zum Beispiel fast jeden Morgen Haferbrei mit selbst gemachtem Apfelmus oder anderen frischen Früchten. Als er circa zwei Jahre alt war, wurde er urplötzlich stinkig am Frühstückstisch, warf sein Set herunter und nörgelte herum, dass ihm die Zubereitung seines Haferbreis zu langer dauere. Also versuchte ich es mit Overnight Oatmeal, sprich ich bereitete ihm sein Frühstück am Vorabend zu, sodass er gleich losessen konnte. Aber auch das half nichts und er meckerte und meckerte. Es nervte David und mich tierisch und verdarb uns nicht selten die Laune für den gesamten Tag. Bis ich endlich darauf kam, Johannes zu fragen, ob er seinen Haferbrei selber machen wolle. Und siehe da, er sprang vom Stuhl, holte sich sein Höckerchen und schob es euphorisch zu mir hinüber. Bislang hatte ich es vermieden, ihn direkt am Herd hantieren zu lassen. Aus Angst. Dabei war er schon soweit, um unter Aufsicht problemlos die Haferflocken und die Milch in den Topf zu geben und zu rühren. Er wartete ganz geduldig und freute sich riesig, als es im Topf anfing zu blubbern. Seitdem kocht er seinen Haferbrei morgens selbst.

Lass mich, ich kann das schon allein!

Mittlerweile hilft Johannes mir sehr viel in der Küche und ich versuche, meine Ängste oder Sorgen bewusst anzuschauen und zu hinterfragen. Zum Beispiel schneidet Johannes unheimlich gern. Als diese Vorliebe vor circa einem Jahr aufkam, riss ich ihm immer sofort das Küchenmesser aus der Hand und sagte mit scharfem Unterton "das darfst du noch nicht benutzen, dafür bist du noch zu klein". Das Resultat war Frust auf Seiten von Johannes, den er dadurch zum Ausdruck brachte, alle möglichen Lebensmittel aus dem Kühlschrank zu holen und auf den Boden zu werfen. Natürlich wurde ich stinksauer, aber ich bekam noch die Kurve, atmete tief durch und fragte mich: "Was genau spricht dagegen, ich bin da und kann ihm helfen. Im schlimmsten Fall schneidet er sich in den Finger, was doof wäre, aber kein Weltuntergang." Also gab ich ihm das scharfe Messer und zeigte ihm ruhig, wie man es richtig einsetzte. Er war ganz stolz, als er damit seine ersten Rüben schneiden konnte. Er hat sich auch schon mal leicht geschnitten, aber auch das gehört zum Lernprozess dazu. So etwas passiert eben.

Autonomie

Und noch ein drittes Beispiel, das typisch dafür ist, wie Eltern sich durch ihre eigene Erziehung das Leben mit Kindern schwer machen: Mein Mann achtet sehr auf Tischmanieren. Er hasst es, wenn Messer abgeleckt werden oder Johannes mit seinem Essen rummanscht. Es folgt dann häufig der Satz "Mit Essen spielt man nicht, Johannes!". Irgendwann fragte ich laut "Warum eigentlich nicht?" Kinder entdecken ihre gesamte Umgebung mit allen Sinnen. Das ist doch das Schöne am Kindsein und ihr fantastisches Geheimrezept um zu lernen. Wieso verbietet man kleinen Kindern diese angeborene Neugier, das Leben mit den Händen zu erkunden, bei einer so natürlichen Tätigkeit wie essen? Wenn wir sie für ein angeborenes Grundbedürfnis ermahnen, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn sie beim Essen resignieren. Dahinter steckt natürlich unsere Angst, dass wir uns freche Gören "heranziehen", die sich nicht zu benehmen wissen und uns bei jedem Restaurantbesuch blamieren. Damit das nicht passiert, habe ich einen viel besseren Tipp als strenge Regeln am Esstisch: Lebe es vor! Deine Kinder ahmen Dich nach. Du bist ihr Held. In ihren Augen, machst Du alles richtig. Wenn Du am Tisch gerade sitzt, mit geschlossenem Mund kaust und Messer und Gabel benutzt, dann werden das Deine Kinder früher oder später ebenfalls tun. Johannes wird nicht mehr gemaßregelt, wenn er mit den Händen essen möchte oder seinen Apfelsaft in die Suppe kippt. Wenn er selber erfahren möchte, wie diese Kombination schmeckt, dann bitte. Nur zu ;).

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