Mamis, seid endlich netter zueinander!

10/10/2015

Ich versteh es einfach nicht. Ich habe gerade den SPIEGEL-Artikel Mütter kommt raus aus Bullerbü gelesen und kann nur traurig den Kopf schütteln. Mal ganz davon abgesehen, dass ich so einen Schwachsinn noch nie gelesen habe, finde ich einfach keine Antwort darauf, wie und warum Frauen so abfällig über andere Frauen schreiben können. Wenn die beiden Autorinnen dazu auch noch Mütter sein sollten – umso schlimmer.

Laut den beiden Hamburger Journalistinnen, die diesen Text verfasst haben, leiden viele Mütter an einer “Zarthäutigkeit“ und „Verweichlichung“, ausgelöst durch eine „jahrelange Einseitigkeit“, die Muttersein und Kindererziehung heutzutage mit sich bringt. Diese Mütter trauen sich nicht mehr zurück in die Arbeitswelt, aus Angst, dass ihnen dort von der testosterondominierten Leistungsgesellschaft wehgetan wird.

Wie bitte was?!?

Hier ein paar Auszüge aus dem Artikel, die ich gern kommentieren würde:

Vor 100 Jahren war die Sache einfach: „Wie die Zucht, so die Frucht.“ Gehorchte das Kind, war das Klassenziel erreicht.

Gottseidank leben wir nicht mehr in einer Zeit, in der es nur darum ging, dass ein Kind gehorchte. Zumal vor 100 Jahren noch der Prügel das Mittel der Wahl in Sachen Kindererziehung war. Schon mal ein ganz schlechter Anfang für einen Artikel dieser Art.

Heute kaufen wir Frühwarnmonitore gegen den plötzlichen Kindstod, haben ein GPS für den Schulweg unserer Kinder und engagieren einen Personal Trainer für ein besseres Ergebnis bei den Bundesjugendspielen. Wir unterdrücken die eigenen Bedürfnisse, um uns rund um die Uhr um den Nachwuchs zu kümmern.

Unsachlicher Quatsch: hätten wir Mütter tatsächlich Frühwarnmonitore, GPS-Systeme und Personal Trainer für unsere Kinder, dann müssten wir uns doch gar nicht mehr rund um die Uhr um unseren Nachwuchs kümmern. Das erledigen ja dann die Geräte und Angestellten für uns.

(…) die wahren Verlierer einer durchoptimierten Bullerbü-Welt ohne Bakterien und Streit sind nicht die Kinder, sondern wir Mütter. Wir finden nach ein paar Jahren testosteronarmer Außenwelt nur schwer in den Job zurück. Weil wir buchstäblich verweichlicht sind, schlimmer: weil von uns erwartet wird, dass wir verweichlichen.

Wir Mütter sind nicht verweichlicht, wir sind  – wenn überhaupt – nur ein Stück weit menschlicher geworden und haben erkannt, dass man sich über mehr definieren kann, als über Geld, Wachstum und Erfolg.

Im ersten Jahr nach der Geburt staunt man noch über die immense Radiusverkleinerung, die einem als Mutter widerfährt. Im fünften Jahr hat man sich dann auch an die geistige Radiusverkleinerung gewöhnt. Also will man plötzlich kreativ arbeiten, „irgendwas mit Interieur … oder einen Einrichtungsblog?“

Muttersein verkleinert den Radius? Ich hoffe ganz inständig für die beiden Autorinnen, dass sie noch keine Kinder haben. Ansonsten scheint da wirklich etwas schief gelaufen zu sein. Eine Mutter „verlernt“ ja nicht alles, was bis dato in ihrem Leben passiert ist, sondern sie stellt sich einer komplett neuen Aufgabe, die weitaus mehr Belastbarkeit, Durchsetzungsvermögen, Geduld und Kreativität abverlangt (um nur ein paar Schlüsselqualifikationen zu nennen), als so mancher Job. Vielmehr erweitert sich ihr Horizont. Ihre Definition einer sinnstiftenden Tätigkeit hat sich verändert. Daher kommt es, dass viele Mütter nach der Babypause eine andere berufliche Richtung einschlagen oder sich dafür entscheiden, noch eine Weile zu Hause zu bleiben, um ihr Kind nicht den ganzen Tag fremdbetreuen lassen zu müssen.

Wir müssen den Kitsch aus der Erziehung verbannen, damit wir Frauen weder das Klischee Heilige (Mutter) noch Hure (Karriere) bedienen, sondern das, was Männer seit Jahrhunderten schlichtweg leben: ein facettenreiches Rollenmodell, mal Business, mal Familie.

Männer leben ein facettenreiches Rollenmodell? Die meisten Männer, die ich kenne, sehen ihre Kinder abends kurz vorm Schlafen gehen und am Wochenende. Die restliche Zeit kümmern sie sich ums Geld und die Karriere – und das weil die Frau beruflich zurücksteckt und/oder das Kind fremdbetreut ist. Das sind vielleicht zwei Facetten, die aber keineswegs einen gleichen Stellenwert im Lebensalltag einnehmen, da dies eben kaum möglich ist. Das Modell „Mann und Frau teilen sich beide Lebensbereiche komplett gleichberechtigt“ ist noch die Ausnahme. Und das hat nichts mit Kitsch zu tun, sondern einfach mit der schwierigen, organisatorischen Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Frauen können so viel mehr als Innendekoration und Milch schäumen. Es geht gar nicht darum, wie man Familie und Beruf unter einen Hut kriegt, sondern nur darum, welcher Hut einem am besten steht, beziehungsweise welcher Beruf einem am meisten liegt. Was kann ich besser als andere? Was macht mich aus?

Okay, ich verstehe ja dass die beiden Autorinnen Werbung für Ihre Agentur machen möchten, aber das klappt nicht, indem sie eine gewisse „Kategorie“ von Müttern komplett verheizen und ihre Art zu leben verurteilen. Wer möchte denn von solch unsympathischen Damen noch beraten werden?

Es ging immer dann eine Epoche besonders brutal zu Ende, wenn sie zu einseitig gelebt wurde: das alte Rom, das Mittelalter, das prüde viktorianische England. Mit uns Kuschel-Müttern wird es ebenso sein.

Zu diesem Fail fällt mir nichts mehr ein. Ich geh jetzt mit meinem Sohn kuscheln.

Mal ganz im Ernst: Wir Frauen – und insbesondere wir Mütter – machen es uns so schwer. Nie sind wir füreinander gut genug. Wir vergleichen, verunsichern und verurteilen uns gegenseitig aufs Schärfste. Jedes Lebensmodell wird zunichte kritisiert. Steigen wir schnellstmöglich wieder in den Beruf ein, sind wir karrieregeile Rabenmütter. Entscheiden wir uns für eine verlängerte Elternzeit, gelten wir als faul. Und Vollzeit-Muttis sind antiquierte Randerscheinungen, mit denen man als intellektuelle, emanzipierte Frau grundsätzlich nichts zu tun hat.

Was ist nur los mit uns? Wieso können wir nicht akzeptieren, dass jeder sein Leben anders plant, dass sich unsere Prioritäten voneinander unterscheiden? Eine Schwangerschaft, die Geburt und das Hineinwachsen in die Mutterrolle erlebt jede Frau auf ihre ganz eigene, persönliche Weise. Nichts davon ist schlechter oder besser. Richtig oder falsch. Ein Kind ist eine große Aufgabe, die einen oft an die Grenzen der Belastbarkeit treibt. Umso wichtiger ist es doch, dass wir endlich anfangen, uns zu unterstützen und zu stärken, anstatt gegeneinander zu arbeiten. Und solche Artikel schüren nur Klischees und sorgen dafür, dass die Dinge, die Mütter tagtäglich leisten, weiterhin belächelt werden.

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