Mein Sohn ist frech, wild… und wunderbar!

30/08/2017

Ich musste vor einigen Tagen eine unangenehme Erfahrung machen, die viele Mütter sicher kennen und so oder so ähnlich auch schon mal erlebt haben. Deshalb möchte ich davon erzählen, um der ein oder anderen unter euch, den Rücken zu stärken. Denn das brauchen wir doch alle hin und wieder einmal…

Eine gute Freundin kam zu Besuch. Wir kennen uns schon ewig, sehen uns aber eher selten. Die Gründe dafür sind, dass wir völlig unterschiedliche Leben führen und unser Alltag sich nur schwer miteinander vereinbaren lässt. Ein typisches Problem, je älter man wird. Trotzdem haben wir uns unheimlich gern und ich freue mich jedes Mal, sie zu sehen. Wir haben immer viel Spaß, ob mit oder ohne Johannes. Es gibt weder unangenehme Sprechpausen noch anderweitige Langeweile. Es ist einfach schön mit ihr. Selbst die Tatsache, dass sie keine Kinder hat und auch mit Johannes nicht so richtig viel anfangen kann, stand bislang nie zwischen uns. Bis jetzt.

Kurz nach ihrem Ankommen, passierte folgendes. Johannes erblickte am Gartenzaun seine liebste Freundin und Nachbarin Clara, die sich auf den Sockel gestellt hatte und seinen Namen rief. Johannes war sowieso schon ganz aufgeregt und die Freude über Claras Begrüßung übermannte ihn. Er rannte auf sie zu und „schubste“ sie vom Zaun hinunter. Ich setze „schubsen“ deshalb in Anführungszeichen, da er es nicht böswillig meinte, sondern sich einfach überschwänglich freute und seine Kräfte nicht unter Kontrolle hatte. So ist Johannes manchmal. Wie ein Elefant im Porzellanladen. Er erdrückt auch gern seine kleinen Spielkameraden, wenn er sie eigentlich nur liebevoll umarmen will. Die meisten kennen das schon und auch die zierliche Clara war nach einem anfänglichen Schreck gleich wieder ganz cool und schenkte Johannes einen Keks. Also alles keine große Sache.

Meine Freundin hat diese Situation – wie ich später erfuhr – schockiert. Ab diesem Zeitpunkt begann sie damit, Johannes ständig zu maßregeln. Sie forderte ihn auf „das Zauberwort“ zu nennen, wenn er sie um etwas bat. Oder wenn er aus Spaß auf ihrem Bein trommelte, sagte sie streng und sehr unfreundlich „hör auf zu hauen“. Mich irritierte dieses Verhalten. War meine Freundin eigentlich immer diejenige von uns beiden gewesen, die gesellschaftliche Konventionen für überholt hält und sich ein freies und selbstbestimmtes Leben wünscht. Sie ist auch immer diejenige gewesen, die überall zu laut lacht, wildfremde Menschen auf der Straße veräppelt oder in Berliner Szene-Clubs eine Runde „die Reise nach Jerusalem“ auf der Tanzfläche spielt. Ich bewunderte sie eigentlich immer dafür, dass sie sich ihr Kind im Geist bewahren konnte. Wem gelingt das schon? Doch ausgerechnet diese Freundin erwartete nun, dass mein vierjähriger Sohn gehorcht, funktioniert und sich den, von ihr so verlachten sozialen Normen und Gepflogenheiten anpasst.

Ich machte sie vorsichtig darauf aufmerksam, indem ich sagte „Mensch, du bist aber streng“ und dachte, das Thema sei damit vom Tisch. Aber mitnichten. Ich hatte einen Nerv getroffen und die Büchse der Pandora geöffnet. Es sprudelte aus ihr heraus, dass dieses Kind ja auch endlich mal erzogen werden müsse, sein Verhalten völlig schockierend und er (O-Ton!) ein „Spezialfall“ sei. Außerdem sei sie gerade mit Bekannten und ihren zwei Kindern im Urlaub gewesen und die hätten sich NIE „so“ benommen. Ich schluckte meine Wut und Verletzung erstmal hinunter und erwiderte einen Satz, den ich eigentlich nie in den Mund nehmen wollte: „Lass uns darüber nochmal sprechen, wenn du selbst Kinder hast“.  Denn auch wenn dieser Satz abgedroschen klingt. Er stimmt. Wenn man kinderlos ist, kann man nur schwer das Verständnis für einen kleinen Wirbelwind wie Johannes aufbringen. Ganz normale Wutanfälle – wie jedes Kind sie hat –  können einen dann tatsächlich verunsichern. Das ist völlig in Ordnung und ich würde meiner Freundin das nie übelnehmen. Aber meinen Sohn (den sie in den letzten Jahren vielleicht fünfmal erlebt hat!), so zu verurteilen und ihn als „Spezialfall“ abzustempeln, wäre selbst für eine Frau MIT Kindern anmaßend.

Grundsätzlich finde ich es falsch, einen Menschen – egal ob Kind oder Erwachsenen – zu bewerten. Und seinen Charakter anhand von zufällig miterlebten Einzelsituationen zu definieren, ist ungerecht und zeugt nicht gerade von innerer Reife.

Beziehung statt Erziehung

Wenn es um Johannes geht, höre ich schlicht und ergreifend auf meine Intuition. Ich lebe mit meinem Sohn in liebevoller Beziehung. Auf Augenhöhe. Ich glaube daran, dass jeder Mensch von Geburt an wunderbar, einzigartig und gut ist. Die Annahme, dass wir Menschen erst formen oder zu gesellschaftlich akzeptablen Vorzeige-Personen großziehen müssen, widerstrebt mir und meinem Weltbild. Das heißt nicht, dass ich alles, was mein Sohn tut, für gutheiße oder ihm keine Grenzen aufzeige. Grenzen entstehen für ihn und auch für mich auf ganz natürliche Weise. Durch unser tägliches Zusammenleben und dadurch, dass seine und meine Bedürfnisse gleichermaßen respektiert werden.

Dadurch mache ich nicht automatisch alles richtig. Manchmal werde ich auch laut oder meckere Johannes an. Immer wenn ich überfordert bin, beginne ich zu erziehen. Tue also das, was meine Freundin noch mehr von mir erwartet. Bislang ist meine Erfahrung allerdings, dass diese Maßnahmen nicht nur kontraproduktiv, sondern destruktiv sind. Sie zerstören meine Bindung zu ihm und lassen ihn an sich selbst zweifeln. Und wenn ich an die Momente zurückdenke, in denen meine Mutter oder mein Vater streng waren und mich zurechtgewiesen haben, habe ich mich in diesen Momenten stets klein gefühlt und an Selbstwertgefühl verloren. Gelernt habe ich dadurch nichts.

Kinder sollten nicht nur Kinder sein dürfen. Sie sollten auch MENSCHEN sein dürfen. Und gleichwertig zu Erwachsenen behandelt werden. Finde ich es schlimm, wenn meine Freundin das „Bitte“ in einem Satz vergisst?“. Nein, absolut nicht. Sie sagt sogar „Geil“ und „Scheiße“ und andere Wörter, für die sie mein Kind vermutlich harsch zurechtweisen würde. Nur mal so als Denkanstoß…

Vielleicht wird meine Freundin diesen Text lesen und mich und vorallem Johannes etwas besser verstehen. Und dann erfährt sie auch, dass ich nicht mehr wütend bin. Und auch nicht mehr verletzt. Sondern mir einfach nur wünsche, dass sie es schafft, sich zu erinnern, wie schön es war, „frech, wild und wunderbar“ zu sein.

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