Baby-Led Weaning

Baby-Led Weaning: Unser Weg der Beikosteinführung

Jakob ist nun etwas mehr als sieben Monate alt und vor kurzem haben wir ihm die erste feste Nahrung angeboten. Recht spät, wie mir viele Eltern und unser Kinderarzt zu verstehen geben wollten. Doch für Jakob war es genau der richtige Zeitpunkt. Wir möchten ihm – wie bei allen anderen Entwicklungsschritten auch – das Tempo vorgeben lassen und ihn zu nichts drängen. Wie genau das in der Umsetzung aussieht und warum das Prinzip Baby-Led Weaning für uns sehr gut funktioniert, möchte ich Dir in diesem Artikel erklären.

Baby-Led Weaning – Was ist das?

Ich stehe mit dem Begriff Baby-Led Weaning etwas auf Kriegsfuß, möchte ihn hier aber trotzdem benutzen, da er mittlerweile sehr geläufig ist. Mir gefällt er deshalb nicht so gut, da es ein recht komplexes und dazu noch englisches Wortkonstrukt ist, das einen eigentlich ganz simplen und natürlichen Vorgang definiert.

Baby-Led Weaning bedeutet übersetzt soviel wie „Baby geführte Entwöhnung“. Das Baby entwöhnt sich also selbstbestimmt von der Muttermilch beziehungsweise der Flaschennahrung und gibt allein das Tempo dafür vor. So kann man dieses Prinzip als Gegenmodell zur klassischen Beikost mit Brei verstehen.

Kann man mit Brei nicht selbstbestimmt entwöhnen?

Das ist eine berechtigte Frage und natürlich kann man sein Baby auch Brei geben und es trotzdem behutsam abstillen und es frei entscheiden lassen, wann es keine Muttermilch oder kein Fläschchen mehr benötigt. Der wesentlichste Unterschied ist aber, dass man sein Baby füttert und es dadurch nicht selbst bestimmen kann, wann und wieviel Nahrung in seinem Magen landet.

Wie funktioniert Baby-Led Weaning?

Wenn Dein Baby beikostreif ist (dazu später im Artikel mehr), bietest du ihm kleine Häppchen der Lebensmittel an, die es gut greifen kann. Du fütterst es also nicht, sondern lässt es frei entscheiden, ob und wieviel es von der Nahrung probieren möchte. Du pürierst das Essen auch nicht, sondern lässt es in seinem natürlichen Zustand. Um es leichter verdaulich zu machen, kannst Du es dünsten oder dämpfen.

Dein Baby muss von der Beikost nicht satt werden!
Im ersten Lebensjahr bleibt die (Mutter-)Milch Hauptnahrungsquelle. Das Wort BEIkost wurde ganz bewusst gewählt, da es sich hierbei nur um eine Ergänzung, eine BEIgabe handelt. Dein Baby kann und soll ganz behutsam und in seinem eigenen Tempo die verschiedenen Geschmacksrichtungen und Konsistenzen von fester Nahrung entdecken.

Wie geht man also vor?

Als erstes muss man sicher sein, ob das Baby beikostreif ist. Aber was heißt das eigentlich genau? Bei meinem ersten Sohn Johannes habe ich mich hier von vielen im Netz kursierten Empfehlungen total verunsichern lassen. Zum Beispiel behaupten einige, dass es schon ein Anzeichen zur Beikostreife ist, wenn das Baby seine Hände in den Mund steckt oder wenn es nach dem Stillen anfängt zu weinen, weil es immer noch Hunger hat. Das KANN zwar in einigen Fällen der Grund sein, aber meistens steckt doch etwas anderes dahinter.

Viele beobachten auch, dass das Baby ganz neugierig schaut, wenn man gemeinsam am Tisch sitzt und isst. Vielleicht greift es auch schon nach dem Essen und führt es zum Mund. Auch dieses Verhalten ist ab einem Alter von circa fünf Monaten ganz normal und KEIN echtes Beikostreife-Anzeichen. Babies sind per se einfach sehr aufmerksam und neugierig und stecken sich alles in den Mund, was sie in die Finger kriegen. So entdecken sie ihre Umgebung, da der Mundraum als Tastsinn in dem Alter am besten ausgeprägt ist.

Baby-Led Weaning Baby-Led Weaning

Das sind die ECHTEN Beikostreifeanzeichen

  • Dein Baby kann (mit leichter) Unterstützung aufrecht sitzen
  • Dein Baby hat den Zungensteckreflex verloren, das bedeutet, Dinge, die in den Mund geraten, werden nicht mehr reflexartig mit der Zunge heraus geschoben
  • Es ist eine Bereitschaft zum Kauen vorhanden

Wichtig: Es handelt sich bei diesen Anzeichen nur um Grundvoraussetzungen, die dafür sprechen, dass Du Deinem Baby die erste feste Nahrung (wozu auch Brei gehört) anbieten kannst. Es kann aber sein, dass alle diese Anzeichen auf Dein Baby zutreffen, es aber trotzdem kein Interesse daran hat, zu essen. Dann ist das eben so! Jedes Baby ist anders und solange es ausreichend Muttermilch oder Flaschennahrung trinkt und vom Gewicht im Normbereich bleibt, brauchst Du Dir überhaupt keine Sorgen machen. Sollte es schlapp wirken und an Gewicht verlieren oder zu wenig zunehmen, solltest Du Deinen Kinderarzt aufsuchen.

Wie und womit fängt man am besten an? 

Du brauchst einen Hochstuhl, in dem Dein Baby gut gestützt aufrecht sitzen kann. Lege am besten eine schnell abwaschbare Matte unter den Tisch. Besteck und Teller brauchst Du zu Beginn nicht. Es könnte Dein Baby unnötig vom Essen ablenken.

Biete Deinem Baby bitte NUR im Sitzen etwas zu essen an. Eine Wippe als Hochstuhl-Ersatz ist nicht geeignet. 

Beginne mit gedünsteten, ungewürzten und (ganz wichtig) abgekühlten Obst- oder Gemüsehäppchen, die du Deinem Baby in Greifnähe auf den Tisch legst. Biete nur wenige unterschiedliche Sorten gleichzeitig an.

Gut geeignete Obst- und Gemüsesorten für den Start:

  • Apfel
  • Birne
  • Banane
  • Kartoffeln
  • Mohrrüben
  • Pastinaken
  • Avocado
  • Zucchini
  • Kürbis

Zu Beginn wird vermutlich wenig bis nichts davon im Mund oder Magen Deines Babys landen. Das ist ganz normal. Übe Dich hier in Geduld und lass Dein Baby das Tempo vorgeben. Wenn Dein Baby nach mehreren Versuchen keinerlei Interesse an den Häppchen zeigt, ist es einfach noch nicht beikostreif.

Welche Nahrungsmittel sollte mein Baby (noch) nicht essen?

  • Zucker (Fruchtzucker in Obst ausgenommen)
  • Starke Gewürze
  • Salz
  • Nüsse und Kerne
  • Honig (bis zum 1. Lebensjahr)
  • Kleine Früchte wie Weintrauben oder Cherrytomaten (nur halbiert und ohne Kerne)
  • Rohes Fleisch oder Fisch
  • Rohe Eier (grundsätzlich Eier in Maßen)
  • Joghurt, Quark, Frischkäse etc. (zu viel Eiweiß belastet die Nieren)
  • Blähende Lebensmittel wie Kohl (in Maßen)

Auch hier gilt natürlich, dass jedes Baby anders ist und auch andere Dinge gut oder schlecht verträgt. Wenn in eurer Familie vermehrt Allergien oder Nahrungsmittelintoleranzen vorkommen, dann warte mit den jeweiligen Lebensmitteln ab, bis Dein Baby etwas älter ist. Jakob hat bereits Lebensmittel gegessen, die man eigentlich erst später geben sollte, wie zum Beispiel rohe Nektarinen und Zitrusfrüchte. Klar, kann es passieren, dass Dein Baby mal einen wunden Po bekommt. Es ist übrigens auch ganz normal, dass zu Beginn die einzelnen Nahrungsbestandteile nicht komplett verdaut in der Windel landen. Der Verdauungstrakt Deines Babys muss erst einmal die jeweiligen Enzyme produzieren, um die neue Nahrung zersetzen zu können.

Gelassenheit ist das A und O. Wenn Du Dich bei bestimmten Lebensmitteln noch unsicher fühlst, dann lass es weg. Dein Baby hat feine Antennen und wird Deine Unsicherheit spüren. Das gilt übrigens grundsätzlich für Baby-Led Weaning: Wenn Du Dich dabei nicht gut fühlst, weil Du Angst hast, Dein Baby könnte sich verschlucken oder ähnliches, dann ist es vielleicht nicht der richtige Weg für euch oder es ist zu früh. Vertraue hier unbedingt auf Deine Intuition!

Baby-Led Weaning

Baby-Led Weaning

Ist Baby-Led Weaning gefährlich?

In meinen Workshops sind immer wieder Mütter oder Väter dabei, die Angst haben, dass sich ihr Baby an der festen Nahrung verschlucken könnte. Diese Angst ist aber unbegründet. Da hat Mutter Natur vorgesorgt.

Babys haben einen sehr starken Würgereflex, der sich mit dem Älterwerden immer weiter nach hinten verschiebt. Somit werden Babys extra davor geschützt, sich gefährlich zu verschlucken. Lernen Kinder feste Nahrung erst später kennen, ist der Würgereflex bereits nach hinten gewandert. Daher macht es Sinn, Babys frühzeitig an feste Nahrung zu gewöhnen, damit sie das richtige Kauen und Schlucken beherrschen lernen.

Sollte sich Dein Baby doch einmal verschlucken, gerate nicht in Panik (leichter gesagt, ich weiß!). Würgen, Husten und Rot anlaufen sind erstmal KEINE Anzeichen dafür, dass Dein Baby gerade erstickt, sondern ganz normale Schutzreflexe.

Bekommt Dein Baby genug Nährstoffe?

Nicht durch die feste Nahrung, aber durch die Milch (Muttermilch oder Pre-Milch), die nach wie vor Hauptnahrungsquelle bleibt. Die Nährstoffdichte der Milch ist viel höher und kann vom kindlichen Organismus viel besser verdaut und aufgenommen werden. Außerdem ist der Baby-Magen noch zu klein, um über die feste Nahrung alle lebensnotwendigen Nährstoffe aufzunehmen, die es braucht. Dies gilt ebenso für Breinahrung. 

Wird Dein Baby überhaupt satt?

Vermutlich erstmal nicht. Aber dafür ist auch vorerst noch die Milch zuständig. Beikost ist ein Zusatz, kein Ersatz!

Was sind die Vorteile von Baby-Led Weaning?

Erst einmal vorneweg: Baby-Led Weaning ist weder eine Einbahnstraße noch sollte es als ein starres Dogma verstanden werden. Es ist ein alternativer Weg der Beikosteinführung und kann durchaus mit Brei kombiniert werden. Da wir morgens allesamt in der Familie Haferbrei zum Frühstück essen, bekommt Jakob diesen natürlich auch. Jedoch füttere ich ihn nicht, sondern gebe ihm den Löffel mit dem Brei einfach in die Hand. Er schafft es schon recht gut, diesen zum Mund zu führen und abzulecken.

Eine der großen Vorteile von Baby-Led Weaning ist ja, dass die kleinen Mäuse schnell ins normale Familienleben integriert werden können und man ihnen keine „Extrawürste“ braten muss.

A pro pos „Extra-Würste“: Wir ernähren Jakob bisher rein vegetarisch. Wie das funktioniert und worauf man dabei achten muss, kannst Du in diesem Artikel nachlesen!

Hier eine Auflistung der Vorteile, weshalb wir uns für Baby-Led Weaning entschieden haben:

  • Dein Baby wird von Beginn an ins Familiengeschehen am Esstisch integriert
  • Kein Extra-Kochen und kein Füttern notwendig
  • Dein Baby ernährt sich selbstbestimmt und wird als eigenständiges Familienmitglied wahrgenommen, was sein Selbstbewusstsein untermauert
  • Dein Baby lernt den Zusammenhang zwischen Nahrungsaufnahme und Sättigungsgefühl kennen
  • Dein Baby entdeckt Lebensmittel in natürlicher Form und mit allen Sinnen
  • Die Kaufähigkeit wird gestärkt (wichtig für die Verdauung und die Sprachentwicklung)
  • Die Hand-Augen-Koordination sowie der Pinzettengriff werden trainiert
  • Dein Baby lernt Essen mit Genuss und Freude kennen, ohne Zwang und Druck
  • Du musst unterwegs nicht immer Brei oder Fertiggläschen parat haben

Du musst zwar nicht Extra-Kochen, aber hin und wieder macht es auch Spaß, extra für Dein Baby geeignete BLW-Gerichte zuzubereiten. Ein paar davon, findest Du auf dem Blog unter der Kategorie Baby.

Ich hoffe, ich konnte Dir mit diesem Artikel ein wenig Einblick geben und Unsicherheiten nehmen.

Dein Baby bringt von der Natur alles mit, um sich in seinem Tempo an feste Nahrung zu gewöhnen. Vertrau darauf!

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